Jahresbericht
(Beinahe) Vergessene Dichter und Denker
Im Jahresbericht zum Schuljahr 2009/2010 findet sich ein Artikel über den Philosophen Peter Wust. Er stellt den Auftakt zu einer Reihe von Artikeln dar, die an allgemein weniger bekannte oder sogar inzwischen weithin vergessene Dichter und Denker erinnern wollen. Die Schulhomepage bietet nun für alle Interessierten Lesetipps und relevante Internetlinks:
Vol. 1 (Jahresbericht 2009/2010):
Peter Wust – ein Denker der menschlichen Freiheit und Religion
Äußerer Anlass: 125. Geburtstag (2009)
70. Todestag (2010)
Vor 70 Jahren, am 3. April 1940, verstarb in Münster ein Universitätsprofessor, der als der Philosoph von Münster in die Stadtgeschichte eingehen sollte. Damals weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt, in der Nachkriegszeit noch mit einer feinen Gesamtausgabe seiner Werke beehrt und häufig zitiert, ja sogar als Vorlage einer literarischen Figur von Hermann Kasack in Anspruch genommen, ist der Philosoph heute fast ganz vergessen. Zu unrecht. In dieser und den folgenden Ausgaben des Jahresberichts soll an solche vergessenen Dichter und Denker erinnert werden. Beginnen wir also dieses Jahr mit einem Blick auf Peter Wust, dessen 125stem Geburtstag im Jahr 2009 gedacht wurde und dessen Todestag sich im Jahr 2010 zu 70sten Mal jährt.
Biographie
Peter Wusts Lebensweg gleicht einem kleinen Wunder. Der Philosoph wird 1884 in Rissenthal (Saarland) als erstes von elf Kindern in ärmlichsten Verhältnissen geboren und muss bereits früh neben dem Besuch der Volksschule zum Broterwerb der Familie beitragen. Höhepunkte seiner Kindheit und Jugend sind Gespräche mit einem Hirten, den auch der spätere Philosophieprofessor noch als einen wahren Sokrates in dankbarer Erinnerung halten wird. Von der Wissbegier des Schülers zeugt die folgende Geschichte:
Der junge Wust erfährt im patriotisch geprägten Unterricht der wilhelminischen Zeit, der Kaiser sei ein Freund der Kinder, und gelangt unter großen Mühen an Briefpapier und Briefmarke – um schließlich einen Brief mit der Bitte um eine Kiste Bücher an den deutschen Kaiser Wilhelm II zu senden! Hoffnungsvolle Wochen verstreichen, in denen der kleine Wust sich in Gedanken immer wieder die Ankunft der Bücherkiste ausmalt. Als er schon langsam die Hoffnung aufgibt, wird sein Vater vor Kreis- und Schulbehörden zitiert, wo dieser sich für das als ungebührlich empfundene Verhalten seines Sohnes entschuldigen muss. Ein herber Schlag für den interessierten Volksschüler.
Ein Leben als Kleinbauer und Hirte scheint vorgezeichnet, als dem Dorfpfarrer das Talent des nun schon fast 14jährigen Volksschulabsolventen auffällt. Der Geistliche erteilt Wust kostenlosen Unterricht, vor allem in den alten Sprachen, damit er an der Aufnahmeprüfung eines Trierer Gymnasiums teilnehmen kann, die Wust dann auch als knapp 16jähriger besteht. Es folgen das Abitur im Jahre 1907 und das Studium der Germanistik und Anglistik an den Universitäten Berlin und Straßburg. Er strebt das Gymnasiallehramt an: eine herbe Enttäuschung für seine frommen Eltern, die mit einem Theologiestudium rechneten, das den Priesterberuf vorbereiten sollte. Neben den Pflichtstudiengängen und notgedrungenem Nachhilfeerteilen betreibt Wust philosophische Studien. Auch nach dem Staatsexamen lässt ihn die Philosophie nicht los. Der Gymnasiallehrer kontaktiert Oswald Külpe in Bonn und wird dort 1914 mit einer Arbeit über John Stuart Mill promoviert. Im folgenden Jahr wechselt Wust an das Kaiser-Wilhelm-Gymnasium nach Köln – eine folgenschwere Entscheidung, denn in der alten Domstadt freundet er sich mit Max Scheler an, einem der größten intellektuellen Impulsgeber seiner Zeit. Das nächste Jahrzehnt ist geprägt durch die Gründung einer Familie und die Arbeit an ersten bedeutenden philosophischen Studien. Wust steht inzwischen in regem Austausch mit zahlreichen Philosophen in Deutschland und Frankreich. Im Jahr 1930, Wust ist bereits 46 Jahre alt, ereilt ihn wie aus dem Nichts der Ruf an die Universität Münster. Es ist übrigens Preußens Kulturminister Adolf Grimme selbst, der die Neubesetzung eines Lehrstuhls für Philosophie mit dem nicht habilitierten Wust durchsetzt. Der frisch gebackene Universitätsprofessor überzeugt vor allem durch seine Vorlesungen, die bald schon den größten Hörsaal der Universität füllen. Ab 1933 erhalten die Vorlesungen noch größeren Zuspruch. Das lag daran, dass Wust, wie er es einmal in einem Brief an Joseph Pieper ausdrückte, seine Knie nicht vor Bal beugte. Seine Zuhörer bemerken dies, aber auch die Gestapo, die ihn fortan beobachtet.
In den späten 1930er Jahren erkrankt Wust an Kieferkrebs, muss schmerzhafte Operationen über sich ergehen lassen und schließlich seine Lehrtätigkeit aufgeben. Todkrank verfasst er unter großen Schmerzen das von zahlreichen Schülern erbetene Abschiedswort. Dieses wurde im Jahre 2007 von der Peter-Wust-Gesellschaft neu herausgegeben, da es jahrelang nur noch antiquarisch erhältlich war. Rasch war dieser Neudruck vergriffen und bereits 2008 erschien eine weitere Auflage. Es scheint ganz so, als habe Peter Wust mit seinen letzten Gedanken den Nerv heutiger Leser getroffen. In den letzten Monaten seines Lebens kann sich der Philosoph nur noch schriftlich mit seinen Gästen verständigen. Nach langem und qualvollem Leiden, stirbt Wust am 3. April 1940.
Werk und Bedeutung
Wust gilt als der Vertreter einer christlichen Existenzphilosophie. Doch ist mit einem solchen Etikett nur wenig gesagt. Nachfolgend sollen daher fünf Gründe genannt werden, sich mit dem Leben und Werk Peter Wusts zu befassen:
1. Wust stellt in den Mittelpunkt seines Denkens den Menschen selbst, den er immer als konkrete Person denkt. Wenn Wust über den Menschen nachdenkt, dann zeigt er, dass der einzelne Mensch mehr ist als nur das Exemplar einer Gattung. Der einzelne Mensch ist für Wust die freie Person, die sich in den Grenzen ihrer Möglichkeiten zu einem guten oder einem schlechten Leben entscheiden kann.
2. Wust kennt die Chancen und die Gefahren des modernen Denkens. Er zeigt eindringlich die Irrwege und Sackgassen neuzeitlicher Reflexion auf. Schließlich hat er selbst die Folgen einer falsch verstandenen Aufklärung (mit ihrer kalten Rationalität, welcher Gedankenkonstrukte wichtiger sind als Mitmenschen) am eigenen Leib erfahren und blickt in späteren Jahren mit großer Scham auf eigene Phasen intellektueller Überheblichkeit zurück.
3. Wust demonstriert eindrucksvoll, dass der Mensch immer auch auf der Suche nach dem Sinn seiner Existenz ist. Der wahrhaft philosophierende Mensch zeigt sich als homo viator auf beständiger sinnsuchender Wanderschaft. Hierbei bricht Wust mit dem Optimismus der Aufklärung. In feinsinnigen Beobachtungen und subtilen Gedankengängen zeigt er auf, dass Ungewissheit und Wagnis, so auch einer seiner Buchtitel, notwendig zu unserem Leben gehören.
4. Wust ist eine exemplarische Existenz. Das meint, dass Wust nicht nur über das Leben und die Werte des Menschen nachdenkt, sondern diese auch in ihrem Reichtum verkörpern will. Als Existenzphilosoph muss sein Leben dem Anspruch des eigenen Denkens genügen.
5. Wust lebt als Philosoph und zugleich gottgläubiger Mensch. Das geht so weit, dass er in seinem Abschiedswort das Gebet für bedeutender hält als die Reflexion. Gleichwohl behauptet er dem Münsteraner Kardinal von Galen gegenüber die Notwendigkeit eines letzten Zweifelns. So bleibt Wust in all seinem Denken und Beten gleichwohl der insecuritas humana (der Un[ge]sichertheit des menschlichen Daseins) verpflichtet. Dieses Bekenntnis zum menschlichen Maß verweist übrigens auf Wusts lebenslange Auseinandersetzung mit Goethe und dem Geist der Klassik.
Peter Reus, OStR
Derzeit erhältliche Werke von Peter Wust:
Ungewißheit und Wagnis. Neu herausgegeben im Auftrag der Peter-Wust-Gesellschaft von Werner Schüßler und F. Werner Veauthier. Einleitung und Anmerkungen von Werner Schüßler; Münster 2002. [224 S.] Peter Wust zeigt auf, wie das Wagnis zu einem Leben als Mensch dazugehört. Er eröffnet seine Untersuchung mit einem ausführlichen und genauen Blick auf die Parabel vom verlorenen Sohn [Lukas 15, 11-32]
Gestalten und Gedanken; Blieskastel 1996. [271 S.] In diesem Werk lenkt Peter Wust den Blick auf sein eigenes Leben und verbindet die prägenden Einflüsse seiner Kindheit und Jugend mit jenen seiner Philosophenbiographie. Interessant ist auch die dem Werk unausgesprochen zugrunde liegende Überlegung zur biographischen Bedeutung von dörflicher und städtischer Lebenswelt.
Ein Abschiedswort. Neu herausgegeben im Auftrag der Peter-Wust-Gesellschaft von Herbert Hoffmann und Werner Schüßler. Nachwort von Werner Schüßler; Berlin (2.A.) 2008. [35 S.] Wust kommt in der letzten Phase seines Lebens dem gemeinsamen Wunsch zahlreicher ehemaliger Studenten nach und verfasst ein Abschiedswort.
Derzeit erhältliche Literatur über Peter Wust:
Blattmann, Ekkehard (Hrgs.): Peter Wust. Aspekte seines Denkens. F. Werner Veauthier zum Gedächtnis; Münster 2004. [302 S.] In dieser Aufsatzsammlung zu Ehren des Philosophen Werner F. Veauthier [+27.01.2003] werden ein Aufsatz von Veauthier sowie 13 weitere Texte präsentiert, welche sich mit dem Werk Peter Wusts befassen. Veauthiers Aufsatz bietet sich übrigens als Ergänzungslektüre zu Wusts Ungewissheit und Wagnis.
Schüßler, W., „Geborgen in der Ungeborgenheit.“ Einführung in Leben und Werk des Philosophen Peter Wust (1884-1940), Münster 2008, [90 S.] Der Trierer Professor für Philosophie ist als Experte für Leben und Werk Paul Tillichs international bekannt. Seine profunde Auseinandersetzung mit Peter Wusts Werken führte neben anderen Arbeiten über Peter Wust auch zu dieser Einleitungsschrift, die sich nicht allein an Philosophiestudenten und Fachkollegen wendet. Schüßlers Text eröffnet dank seiner vorbildlich klaren und anschaulichen Darstellung jedem interessierten Laien einen verlässlichen Zugang in die Gedankenwelt des Philosophen von Münster.
Internetlink:
http://www.peter-wust-gesellschaft.de
Der Erinnerung an Leben, Werk und Wirkung widmet sich die Peter-Wust-Gesellschaft. Die Gesellschaft verleiht im Gedenken an den Philosophen von Münster jährlich den Peter-Wust-Preis. Ferner gibt sie in der Publikationsreihe „Peter-Wust-Edition“ Werke von und über Peter Wust heraus und hält mit regelmäßigen Veranstaltungen diesen Philosophen und seine Gedanken in Erinnerung.
Für die kommenden Jahresberichte sind Beiträge über die folgenden Dichter und Denker geplant:
Vol. 2 (JB 2010/2011): August Buchner
Äußerer Anlass: 420. Geburtstag und 350. Todestag (2011)
Vol 3. (JB 2011/2012): W. G. Sebald
Äußerer Anlass: 10. Todestag (2011)
Vol 4. (2012/2013): Hermann Lenz
Äußerer Anlass: 100. Geburtstag (2013)
Vol 5. (2013/2014): Simone Weil
Äußerer Anlass: 70. Todestag (2013)