Scheinfeld ist und bleibt meine Lieblingsschule
Fit & Fresh – das ist das Motto unserer diesjährigen Schülerzeitung. Doch was bedeutet das eigentlich? Geht es nur um Sport, gesunde Ernährung oder das Alter? Unser Titel soll zeigen, dass fit und fresh vor allem eine Frage der Einstellung sind.
Deshalb freuen wir uns ganz besonders, dass wir für diese Ausgabe mit einer außergewöhnlichen Persönlichkeit sprechen durften: Frau Hutt, ehemalige Lehrerin am Gymnasium Scheinfeld, die heute mit stolzen 97 Jahren in der Seniorenresidenz Bad Windsheim lebt. Noch immer hält sie Kontakt zu unserem Sekretariat, interessiert sich für das Schulleben und begegnet ihrer Umwelt mit Neugier, Humor und bemerkenswerter geistiger Frische.
Im Interview blickt sie auf ihre Zeit als Lehrerin zurück und berichtet, wie sehr sich Schule und Gesellschaft im Laufe der Jahrzehnte verändert haben. Gleichzeitig wird deutlich, dass manche Dinge zeitlos bleiben: die Freude am Lernen, der Wert guter Begegnungen und die Bedeutung von Menschlichkeit.
Wir wünschen Ihnen viel Freude beim Lesen dieses besonderen Gesprächs – und vielleicht nehmen auch Sie die Erkenntnis mit, dass Fit & Fresh keine Frage des Alters ist, sondern vor allem der Haltung.
Interview mit Frau Hutt
Geführt von Robert Grün
Sie waren früher Lehrerin am Gymnasium in Scheinfeld. Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre Zeit und was ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?
Die Schüler waren ganz prima. Es war ja erstmal nur eine einzügige Schule – und […] wir waren ja wenig Frauen. Es waren ja meistens Männer; alle sehr jung, kurz nach dem Studium sind wir da hingekommen. Und während die Schüler Abitur gemacht haben, mussten wir die anderen Klassen, weil es das Arbeitsdiensthaus war, das war schlecht gebaut. Das war die Verwaltung unter Hitler im Arbeitslager. Da waren ja auch Baracken gewesen. Das war für die Jungs später wie eine Art Seminar, es hat ja früher ganz anders ausgesehen, außer dem Gebäude vorne war dort sonst nichts gewesen. Und da sind die Wände sehr dünn. Deshalb mussten alle anderen Klassen in der Zeit Ausflüge machen, eine ganze Woche lang.
Ich war einmal damals am Bodensee in Konstanz mit einem Kollegen [die Jahrgangshefte hat sie von damals noch]. Er hatte die Jungs und ich hatte die Mädchen, wir mussten damals die Jungs und Mädchen trennen. Und in der ersten Nacht haben die Jungs aus der (neunten) Klasse keine Ruhe gelassen. Und da hat der Herbergsvater sie rausgeschmissen und hat gesagt, sie müssen morgen wieder zurückfahren.
Am nächsten Tag in der Früh kam dann der Kollege und sagte: „Wir müssen fort, wir müssen wieder zurück!“ Ich bin natürlich erschrocken: „Zurück? Wohin denn?“ „Na, in die Schule wieder.“ Sag ich: „Na, der Direktor reißt uns den Kopf ab. Wir können nicht zurück.“ „Aber wir sind ja rausgeworfen!“ „Ja, ihr, aber wir nicht!“ Dann bin ich zu dem Herbergsvater gegangen und habe gesagt, dass ich ab jetzt auch die Jungs beaufsichtigen werde. „Ich garantiere Ihnen, jetzt ist Ruhe – und wenn noch einmal so etwas passiert, gehen wir.“ Und dann habe ich mir die ganze Klasse zusammengerufen und habe ihnen erklärt, dass wir nicht zurück können und uns anständig benehmen müssten. […]
Und dann sind wir geblieben, dann sind die ganz brav gewesen und ich habe von den Schülern am Schluss eine Karte bekommen [hat sie übrigens auch noch], wo sie sich bedanken, dass ich ihnen eine schöne Woche gemacht habe, und haben mir eine schöne Vase gekauft.
Wir hatten auch ein Schülerheim in den Baracken (der Leiter hat bei uns Stenographie gegeben), da haben die Kinder von reicheren, stark beschäftigten Familien wie Ärzten und Bauunternehmern gewohnt. Und – Winzer waren zu der Zeit auch sehr gefragt. Und da hat einer immer ein Weingut in der Nähe gehabt und da sind wir dann wöchentlich hingefahren und haben zu essen bekommen und uns einen schönen Abend gemacht.
Haben Sie eine schöne Erinnerung an die Schüler speziell?
Ich war dann auch Vertrauenslehrerin. Und das wollte ich irgendwann nicht mehr aufgeben. Die Kinder kamen immer wieder zu mir her und wollten mich als Vertrauenslehrerin haben. Ich hatte ja auch selber Kinder, ich war sehr froh, dass ich so einen guten Zugang zu den Schülern hatte. Viele haben sich später auch bei mir gemeldet oder haben mich besucht.
Wann waren Sie das letzte Mal in Scheinfeld am Gymnasium?
Ich habe 1956 geheiratet und bin mit meinem Mann, der Jurist am Ministerium in Bonn war, nach Bonn gezogen. Das war das letzte Mal, dass ich in Scheinfeld war. Ich habe aber immer noch Kontakt. Ich bekomme die Jahresberichte, die Abiturberichte und ich telefoniere oft mit den Sekretärinnen. Es war wunderschön, ich wäre gerne in Scheinfeld geblieben. Aber was ich gelesen habe, wie sich das Gymnasium entwickelt hat, es war ja schon drei- und vierzügig sogar, da kann ich nur alle Hochachtung und Bewunderung nach Scheinfeld schicken […].
Welchen Rat würden Sie jüngeren Generationen mit auf den Weg geben?
Ich habe den Eindruck, hier (am Land) zählt die Schule noch etwas […]. Hier gehen die Kinder gerne hin, um etwas zu lernen, damit etwas aus ihnen wird. Die jetzige Zeit ist sehr schnelllebig, mein Rat ist deshalb: Nehmt euch Zeit. Zeit für die Schule, für die Familie und füreinander. Das hat man früher gemerkt: Es braucht Zeit, ein gutes Verhältnis zu den Schülern braucht Zeit und auch der Respekt vor den Lehrern und voreinander.
Was ist Ihr persönliches Geheimnis, um nach diesen Jahren noch im Kopf so jung zu bleiben?
Ein persönliches Geheimnis? Nö, eigentlich nicht besonders. Ich habe einfach immer versucht, interessiert zu bleiben und mich mit anderen Menschen auszutauschen. Aber ein richtiges Geheimnis gab es für mich nie.
Scheinfeld ist und bleibt meine Lieblingsschule. Und ich habe auch wirklich nur schöne Erinnerungen.
